"Herr, deine Güte reicht,
so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit,
soweit die Wolken ziehen"
(Psalm 36, Vers 6)
Liebe Gemeindeglieder, liebe Leser*innen!
Im Herbst wird sichtbar, was über Monate gewachsen ist. Auf den Feldern sind die Früchte reif. Kartoffeln werden aus der Erde geholt, Äpfel gepflückt, Getreide eingefahren. Was lange unsichtbar unter der Erde oder zwischen grünen Blättern geschehen ist, liegt plötzlich vor Augen. Ernte ist der Moment, in dem man sehen kann: Es ist etwas geworden.
Vielleicht ist das auch eine gute Frage für das eigene Leben. Was ist in diesem Jahr bei mir gewachsen? Nicht nur auf dem Balkon oder im Garten. Sondern in mir. Vielleicht ist Geduld gewachsen. Oder Mut. Eine Freundschaft, die tiefer geworden ist. Vertrauen. Vielleicht auch die Fähigkeit, Nein zu sagen. Oder die Erkenntnis, dass ich nicht alles alleine schaffen muss.
Und natürlich gibt es auch die andere Seite der Lebensernte.
Manches ist nicht aufgegangen. Beziehungen sind zerbrochen. Pläne haben sich zerschlagen. Menschen fehlen am Erntedankfest, weil sie gestorben sind. Es gibt Erfahrungen, bei denen wir uns fragen: Was soll daraus bloß werden? Das Leben lässt sich eben nicht wie ein ordentliches Erntebeet planen.
Die Bibel weiß das. Sie kennt Zeiten des Wachsens und Zeiten des Wartens, Zeiten der Fülle und Zeiten, in denen scheinbar gar nichts geschieht. Und mitten hinein sagt der Psalmist:
„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Vergiss nicht.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Erntedank. Nicht alles schönreden. Nicht so tun, als wäre jedes Jahr eine Rekordernte. Sondern sich erinnern.
An Menschen, die uns gutgetan haben. An Türen, die sich geöffnet haben. An Kraft, die da war, als wir sie dringend brauchten.
An kleine Glücksmomente, die fast untergegangen wären im Alltag. Lebensdank ist Erinnerung mit offenen Augen. Und vielleicht entdecken wir dabei etwas Überraschendes: Die wichtigste Ernte unseres Lebens lässt sich gar nicht in Körben messen.
Sie steckt in dem, was zwischen Menschen gewachsen ist. In einem versöhnten Wort. In einer Hand, die geblieben ist. In einem Glauben, der auch durch Zweifel hindurchgetragen hat. In einem Menschen, der sagen kann: „Du bist nicht allein.“
Erntedank erinnert uns daran, dass wir vieles nicht selbst gemacht haben. Wir haben gesät, gearbeitet, gehofft. Aber wir haben weder Sonne noch Regen
bestellt. Wir können das Wachstum fördern, aber nicht erzwingen. „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Das gilt für Korn und Kartoffeln. Und vielleicht auch für unser Leben.
Darum dürfen wir heute Danke sagen. Für die Ernte auf den Feldern. Für Brot auf dem Tisch. Für Menschen an unserer Seite. Für das, was gelungen ist. Und auch für das, was noch wächst. Denn manches in unserem Leben ist noch längst nicht reif.
Vielleicht ist das sogar die schönste Nachricht am Erntedankfest: Gott ist noch nicht fertig mit uns. Was heute klein und unscheinbar aussieht, kann morgen Frucht tragen.
Wir dürfen gespannt sein!
Herzliche Grüße
Nina Ziegler-Oltmanns
Die war die Andacht aus dem Gemeindebrief Nr. 8 - Oktober/November 2026 für die Evangelisch-reformierten Kirchengemeinden Campen, Hamswehrum, Upleward, Canum, Freepsum und Woltzeten.
Das Titelbild zeigt den Bezirk Canum (N. Küpper).

